Wie die Musikindustrie die Augen vor der Marktwirtschaft verschließt

Die vergangenen zwei Wochen standen für mich im Zeichen des digitalen Handels & Wandels. Dabei bildeten die re:publica und die NEXT Berlin Klammern um ein Wochenende, in dem ich das Glück hatte, mit Labelbetreibern, DJs und Produzenten das Thema “der Musikmarkt in Deutschland” zu diskutieren. Die öffentliche Diskussion, die Musikbranche ist durch Raubkopierer am Boden,…

Die vergangenen zwei Wochen standen für mich im Zeichen des digitalen Handels & Wandels. Dabei bildeten die re:publica und die NEXT Berlin Klammern um ein Wochenende, in dem ich das Glück hatte, mit Labelbetreibern, DJs und Produzenten das Thema “der Musikmarkt in Deutschland” zu diskutieren.

Die öffentliche Diskussion, die Musikbranche ist durch Raubkopierer am Boden, kann ich langsam nicht mehr hören. Inzwischen, nach vielen Gesprächen und Vergleichen mit anderen Branchen, klingen die Rufe nach einer Reformierung des Urheberrechts und das Wehklagen von Musikern für mich deutlich nach “Thema verfehlt”.

 

Kleines Einmaleins: Marktwirtschaft für Einsteiger

Musik, das wird meiner Meinung nach in der Diskussion weitestgehend ausgeblendet, ist nichts anderes als ein Wirtschaftsgut, welches gehandelt wird. Demnach gelten für Musik (wie auch für Filme, Bücher, Bilder) die gleichen Marktwirtschaftlichen Regeln wie für Autos, Blumenkästen und mexikanischen Mais. Dazu ein Zitat aus der Wikipedia:

Märkte lassen sich auch nach der auf ihnen herrschenden Machtverteilung unterteilen, beispielsweise in Käufermärkte und Verkäufermärkte: Käufermarkt und Verkäufermarkt (engl. buyer’s market und seller’s market) bezeichnen zwei extreme Marktsituationen. Gemeint ist jeweils der Markt, dessen Vertragsbedingungen durch den Käufer bzw. den Verkäufer festgelegt werden. Vertragsbedingungen sind Preisnachlässe, Zahlungsbedingungen, Lieferbedingungen, Handelszeiten und Handelsorte.

 

Damals: alles war besser

Nehmen wir einmal Michael Jackson. Der hat 1982 sein Album Thriller ca. 110 Millionen verkauft. Wie war das möglich? Damals kostete ein Tonstudio ein paar 10.000 US-Dollar Miete am Tag. Bedienen konnten das nur Tontechniker und Produzenten (wie in Jackson´s Fall Quincy Jones). Einer riesigen Konsumentenzahl standen also nur ein paar Künstler gegenüber, die kreativ und liquide genug waren, sich die Produktionstechniken leisten zu können. Im Wirtschaftsdeutsch heißt das: Es war ein Verkäufermarkt. Der Verkäufer konnte Vertragsbedingungen wie Preis, Handelsorte und Lieferbedingungen definieren.
Dieser Markt führte ebenfalls dazu, dass die Käufer ihr Musikbudget recht einfach platzieren konnten. Bei 20$ Taschengeld war klar, wem man das Geld gab – Michael Jackson.

 

Heute: die Menschen sind böse

30 Jahre später ist aus dem einstigen Verkäufermarkt ein Käufermarkt geworden: “Ursache eines Käufermarkts ist ein Angebotsüberschuss, der sich bei steigendem Angebot und konstanter Nachfrage ergibt“. Jetzt bestimmt also der Konsument die Vertragsbedingungen wie Preis, Handelsort und Lieferbedingungen.
Am Wochenende saß ich einem WG-Zimmer bei einem Freund, der Musik produziert. Vor ihm stand ein Laptop. Wert: 1.500 Euro. Auf dem Laptop lief eine Produktionssoftware. Wert 500 Euro. Mit ca. 2.000 Euro Investition stehen ihm mehr musikalische Möglichkeiten zur Verfügung, als Michael Jackson 1982. Und von seiner Sorte gibt es Millionen – man nennt sie Bedroom-Producer oder Bedroom-DJs. Das Produzieren von Musik ist so billig geworden, dass es jeder machen kann. Entsprechend hoch ist der Wettbewerb auf dem Musikmarkt. Zudem bieten Creative-Commons-Lizenzen jedem die Möglichkeit, seine Musik legal und kostenfrei zu vertreiben.
Konsumenten, die immer noch ihre 20$ Musikbudget in der Tasche haben, investieren diese nun völlig anders. iTunes & Co machen es möglich, einzelne Titel zu kaufen, Selbstvermarkter nutzen z.B. Flattr oder Paypal als Spendentools. Entsprechend ist es nicht mehr möglich, 110 Millionen Kopien einer Platte zu verkaufen.

Auf der re:publica erlebte ich einen Konrad von Löhneysen (Ministry of Sound), der Abmahnungen bei Copyrightverletzungen für richtig hält und es  sogar bedauert, nicht noch mehr Geld mit dem Abnahmen verdient zu haben und einen Ronny Kraak (Das Kraftfuttermischwerk), der seine Produktionen nur noch kostenlos unter CC-Lizenz veröffentlicht. Gegensätzlicher können Positionen zwischen Verwertern und Künstlern innerhalb der Branche wohl kaum sein.

 

Musikliebhaber: alles Kriminelle

Jetzt fehlt nur noch das Thema “Raubkopierer”. Ich weiß noch, wie Kaufhaus-Detektive vor den Musikabteilungen der Saturns und Mediamärkte patrouillierten, um Kids aufzuhalten, die mit gezockten CDs in der Tasche abhauen wollten. Oder wie auf dem Pausenhof darüber beraten wurde, wie die Magnetstreifen an den CDs abgefummelt werden konnten, ohne dass es die Überwachungskameras sahen. Die jährlichen Aufwendungen für Wachpersonal und entwendete CDs aller Musikhändler von 1982 liegen mir nicht vor, aber sie sind mindestens 6stellig. Schätze ich. Bezahlt haben das die Händler aus eigener Tasche. Geklaut wurde Musik schon immer. Spätestens zuhause als die neue CD auf Kassette gezogen und auf dem Pausenhof vertickert wurde. Wir sind alle Kleinkriminelle. Interessiert hat das damals aber niemand.

Illegale Downloadplattformen planten milliardenschwere Börsengänge. Dies wurde möglich, weil die Downloader ihnen soviel Geld gaben, um noch schneller an die von ihnen heiß geliebten Alben und Musikfilme zu kommen. Das bestätigt: Downloader sind Enthusiasten, die Handelsort und Lieferbedingung (siehe oben) bestimmen. Die Musikverwerter haben es verschlafen, sich auf die Nachfrage einzustellen und Angebote zu schaffen. Und jetzt schauen sie dem abgefahrenen Zug hinterher.

 

Fazit: Aufwachen könnte helfen

Heute konzentrieren sich Musiklobbyindustrie und Künstler auf die Bekämpfung von illegalen Downloads – als ob das – siehe die Regeln der Marktwirtschaft – irgendetwas an ihrer Lage verbessern würde.

Die Musiklobby, die Verwertergilde und einige Künstler und Tatort-Autoren versuchen derzeit mit aller Macht, die Regeln der Marktwirtschaft durch Gesetze auszuhebeln. Mit der Kriminalisierung von begeisterten Musik-Konsumenten als öffentlichkeitswirksames Totschlagsargument wird versucht, sich krampfhaft an etwas festzuhalten, was die digitale Entwicklung längst aufgelöst hat.

 

Nachtreten: you are not alone

Übrigens, die Musikindustrie ist nicht die erste Branche, die aufgrund des Marktwechsels in arge Bedrängnis gerät. Denken wir nur an die Preise für Webdesign, Grafik- und Printerzeugnisse. Logo-Design: 200 Euro, Webseite: 300 Euro, 10.000 Flyer: 200 Euro. Das gab´s vor 20 Jahren nicht. Und wer von den Grafikern, Designern und Druckern kriminalisiert Konsumenten?

 

Denkt mal drüber nach!




Henning Groß
Als Gründer und kreativer Kopf der NetzKombyse aus Hamburg schreibe ich hier über Themen des digitalen Wandels in Wirtschaft, Gesellschaft und Medien.

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