Sascha Lobo über neue Arbeitswelten

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28 Jun Sascha Lobo über neue Arbeitswelten

Gestern Abend lud das betahaus | hamburg in Zusammenarbeit mit OTTO ein, um Sascha Lobo´s Sicht der Dinge auf die „Neue Arbeitswelt“ zu erfahren. „Wie die digitale Generation und Großkonzerne zusammenfinden können“ bot gerade aufgrund der Anwesenheit einiger Vertreter von OTTO teils unterhaltsames aber sehr viel Substanzielles.

Obwohl das Betahaus mit 60 Anwesenden gut gefüllt war, gab es doch eine Reihe von Interessierten, die eben nicht die Möglichkeit hatten, den Auftritt live zu erleben. Selbst der Twitterstream war im Vergleich zu anderen Veranstaltungen eher schmal. Herr Lobo ließ den Anwesenden dank Art und Inhalt des Vortrags kaum Möglichkeiten, sich in die virtuellen Tastaturen ihrer Smartphones zu verkriechen. Er sagte soviel Essentielles, dass ich es – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – hier dokumentiere. Auch als ewige Notiz an mich selbst.

Das Zusammentreffen von Freischaffenden und Großkonzernen ist quasi die Begegnung von zwei unterschiedlichen Kulturkreisen, die für den Projektzeitraum harmonisiert werden müssen. Sascha Lobo beschreibt anhand von Fehlern und Lösungen, wie sich Freischaffende gegenüber Konzernen positionieren, ich beschreibe das mit meinen Worten, wie ich es interpretiere:

  • Klare Leistungen und Produkte:
    Wenn man selbst schon Probleme hat, seine eigene Dienstleistungen zu beschreiben, wie soll dann der potentielle Neukunde das erst verstehen? Hier gilt es sich zu fokussieren und sein Leistungsportfolio klar und deutlich aufzubauen, so dass es jeder ohne lange Erklärungen begreift.
  • Spezialisierung, Professionalität, nicht Preis:
    Der Auftraggeber kauft Spezialisten ein, keine Bauchläden. Und schon gar keine Billigheimer. Der Preis ist gerade in Großkonzernen nicht der Schlüsselfaktor für die Entscheidung für oder gegen eine Zusammenarbeit. Natürlich wirken völlig astronomische Vorstellung als Türöffner nach draußen. Man sollte sich vor Augen führen, dass Unternehmen bestimmte Leistungen einfach nicht selber erbringen können – und eben darum auf die Unterstützung der digitalen Generation angewiesen sind. Diese Spezialisierung hat ihren Preis und den sollten sich die Freelancer untereinander nicht gegenseitig mit Dumpingpreisen zertrümmern.
  • Verhandlung: Klarheit und Selbstbewußtsein:
    Eine Anwesende von OTTO schilderte, dass manch Freelancer  sich und seine Leistung so präsentiert, dass er – würde er sich um einen Ausbildungsplatz bewerben – gleich wieder rausfliegen würde. Die Regel ist so banal wie einfach: sei überzeugt von dem was du tust, verkaufe nicht nur dein Produkt professionell, sondern auch dich. Unternehmen wollen Sicherheit. Gib sie ihnen schon mit deinem Auftreten.
  • Fehlende Größe/Erfahrungen: Offenheit, Erklärung des Netzwerks:
    Wenn ein spezialisierter Grafiker plötzlich komplexe Fähigkeiten in PHP, Java und Serverwartung vorzeigt, wird´s brenzlig, da es o.g. Regeln widerspricht. Niemand kann alles, schon gar nicht professionell. Dabei haben die Freelancer ein Ass im Ärmel: ihr Netzwerk. Es braucht nur die Stärke, zu sagen „ich kann das nicht aber ich kenne einen Spezialisten der das kann“. Sascha Lobo erklärte an sich selbst, dass er nicht gebucht wird, weil er so ein großer Programmierer ist, sondern weil seine Kunden wissen, dass er ein extrem professionelles Netzwerk hat und einen passenden Programmierer „auftreiben“ wird.
  • Indirekte Überzeugung: Munitionierung der Ansprechartner, Wir-Bezug, Vorteile klären:
    Selten sitzt man während eines Projektes den tatsächlichen Entscheidern gegenüber. Meist arbeitet man mit Mitarbeitern jenseits der Führungsebene zusammen. Da bedarf es Geschick im Weiterreichen von Vorschlägen, Änderungen und Projektspezifischem. Dabei heißt „Munitionierung“ nicht anderes, als das der Freelancer sein Gegenüber so mit schlagkräftigen Fakten ausstattet, das dieser diese selbstständig, selbstbewusst und gut vorbereitet  weitertragen kann. Herr Lobo führte das Beispiel an, in dem er einen Ansprechpartner mit einem Frage/Antwort-Katalog ausstatte, so das dieser im Gespräch mit dem Vorstand schon alle Antworten auf die auftauchenden Fragen parat hatte. Sicher ein plakatives Beispiel. Aber es zeigt, wie´s gehen kann.
  • Angst auf Kundenseite: Zuverlässigkeit durch Kommunikation und Transparenz
    Man muss sich das einfach nur selber vorstellen: man investiert eine Stange Geld in eine andere Person und die meldet sich wochenlang nicht. So geht es Unternehmen, wenn sie Freelancern Jobs übertragen. Im Großkonzern ticken die Uhren genauer. Wenn ein Dokument 11:00 Uhr abgegeben werden muss, dass bedeutet das nicht 11:01 Uhr. Ist dies nicht möglich, muss mit Vorlauf darüber klar kommuniziert werden. Eben jene konzerninterne Kommunikationsstruktur sollte sich der Freischaffende angewöhnen, um das Gefühl der  Angst auf Kundenseite zu minimieren.
  • Anspruch und Verfügbarkeit: klar kommunizierte Regeln
    Wer nicht Samstag Nacht vom Kunden angerufen werden möchte, der muss dies – im besten Fall vor Projektbeginn – klar kommunizieren. Niemand wird ernsthaft Projekte ablehnen, bei denen der Freelancer eben nicht 24/7 erreichbar ist.
  • Projektprobleme: Kommunikation, Dokumentation der eigenen Leistung, Evaluation (Auswertung)
    „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ – solche oder ähnliche Fragen der Ahnungslosigkeit sind keine gute Basis für vertrauensvolles Miteinander. Es ist essentiell, Arbeitsschritte zu dokumentieren, Ergebnisse zu kommunizieren und Abschnitte abzuschließen. Transparenz und Verbindlichkeit schaffen Sicherheit auf Konzernseite.
  • Unklare Erwartung: Kommunikations-Routine
    Regelmäßige Projektmeetings – egal ob nötig oder nicht – sorgen für Sicherheit, klare Kommunikation und helfen, überhöhte Erwartungen auf ein realistisches Maß zurück zu fahren. Auch wenn solche Meetings eher als Last angesehen werden, gehören sie zum professionellen Miteinander zwischen Großkonzern und Freischaffendem. Sie sind Teil der Unternehmenskultur und die muss berücksichtigt werden.
  • Fremdheit und Unverständnis: Botschafter einer neuen Welt
    Jeder Freelancer sollte sich das groß an die Wand schreiben. Der USP ist „die neue Welt“, die Kunst ist es, Großkonzernen eine Brücke in diese Welt zu schlagen und sie nicht ratlos am anderen Ufer stehen zu lassen. Erst wenn das Gegenüber das leise Gefühl hat, zu verstehen, was geht, wird es beginnen, sich zu entspannen und das Klima für ein produktives Miteinander zu schaffen.
  • Irgendwas: Vorbereitung, Freundlichkeit
    Eigentlich logisch und dennoch ein häufiger Grund für das Scheitern von Geschäftsbeziehungen. Gestern Abend zu lange gefeiert, keine Ahnung, was der Inhalt der letzten Mails war und das 1×1 der Freundlichkeit zu Hause gelassen: so macht man sich seine mühsam erarbeitete Geschäftsbeziehung kaputt.

Mit Sicherheit eine ganze Menge wahrer Worte, die Herr Lobo gestern Abend gesprochen hat. Ich kann seine Schilderungen über die Strukturen und Gewohnheiten von Großkonzernen nach 10jähriger Tätigkeit in einem selbigen nur bestätigen. Seine Handlungsempfehlungen sind, seien sie noch so „banal“, wertvoll.

Abschließend noch 2 Weisheiten, die in die Analen des literarischen Leistungsverzeichnisses der deutschen Sprache aufzunehmen sind:

Generation ist eine Haltungsfrage und keine Altersfrage.

Es ist wichtig, was man nicht gemacht hat als das was man gemacht hat.

Henning Groß
henning.gross@netzkombyse.de

Inhaber der NetzKombyse, Agentur für E-Commerce und Markenentwicklung in Hamburg. Als zertifizierte Shopware-Agentur realisieren sein Team und er individuelle Shop- und Markenkonzepte. Schwerpunkt stellt die kompetente Beratung der Kunden und deren Begleitung dar. Die konsequente Fokussierung auf wirtschaftliche Sinnhaftigkeit steht dabei im Fokus. Henning Groß verfügt über umfangreiches Multi-Channel-Know-How. In der OTTO Gruppe im Multi-Channel-Commerce tätig, gründete er als Solopreneur erst ein Smart Business und 2011 die NetzKombyse.

14 Kommentare
  • Raoul
    Veröffentlicht: 11:06h, 28 Juni Antworten

    Sehr interessante und meiner Meinung nach treffende Aussagen. Wenn es dann die Freelancer noch schaffen ihre Netzwerke professionell zu organisieren, dann ist allen geholfen.

  • Cem Basman
    Veröffentlicht: 11:21h, 28 Juni Antworten

    „Generation ist eine Haltungsfrage und keine Altersfrage.“ – Danke Sascha! :-))

  • Robert Deecke
    Veröffentlicht: 11:41h, 28 Juni Antworten

    Und der Denksatz „Projekte dauern ca. 30% länger als geplannt. Auch dann, wenn man diese Regel kennt.“

  • Daniel Schlingelhof
    Veröffentlicht: 11:50h, 28 Juni Antworten

    Danke Henning, für die Zusammenfassung für die die nicht da waren. 😉

  • Jörn Hendrik
    Veröffentlicht: 18:33h, 28 Juni Antworten

    Hey Henning, sehr schöne Zusammenfassung, Merci!
    @Robert: das waren die Canadier, gell? Ich glaube es hieß sogar das die meisten Projekte bis zu 3x länger dauerten als vorher geplant.

    Mir ist da immer eine Regel eines Freundes im Kopfe: „Es dauert immer doppelt so lange wie man plant, ist doppelt so teuer und bingt halb soviel wie man denkt!“ Gemeine Sache, aber es hat mich auch schon getroffen!

    Hinzufügen möchte ich deinem Post noch ein paar Fragmente aus der Diskussion und ein paar meiner Gedanken. Mir kam es bei ca. 50% Otto-Mitarbeiter oftmals etwas pseudo-altklug vor was die Sicht auf die Freelancer Seite angeht (die Otto-Kollegin die du zitiertest mal außen vor gelassen). Als dann noch die Aussage fiel das die nachfolgende Generation sich ja so langsam annähern täte – brodelte ich geradezu innerlich.

    Wat’n Unfug! Der weltweit größten Arbeitnehmerzufriedenheitsstudie zufolge (es ist eine deutsche) sind 18% der 1,3 mio (!) Befragten Angestellten akut unzufrieden mit ihrem Job (http://bit.ly/mAQ8Wx). Das schlägt ein wenig in eine andere Kerbe, hat aber direkt etwas damit zu tun. Außerdem befrage ich seit Monaten Berufsstarter aus meinem Umfeld, deren Botschaften zusammen mit aktuellen Zahlen zum Thema Fachkräftemangel zeigen, es ist nicht gut bestellt um die aktuelle Arbeitswelt:

    – Unternehmen haben Schwierigkeiten Mitarbeiter zu finden!
    – Um die Zufriedenheit der deutschen Angestellten steht es nicht gut!
    – Immer mehr Berufsstarter gehen direkt in die Selbstständigkeit!

    Es ist höchste Zeit sich auf Vorstandsebene und Personalleitungsebene ganz genau Gedanken zu machen was man tun kann um die besten Leute in die Unternehmen zu holen. Die Festanstellung kommt nämlich für die High Flyer vielleicht gerade mal als Zwischenstop in Frage. Darüber hätte ich gerne gestern etwas mehr diskutiert!

  • Tim
    Veröffentlicht: 07:18h, 29 Juni Antworten

    „Der Preis ist gerade in Großkonzernen nicht der Schlüsselfaktor für die Entscheidung für oder gegen eine Zusammenarbeit. Natürlich wirken völlig astronomische Vorstellung als Türöffner nach draußen. Man sollte sich vor Augen führen, dass Unternehmen bestimmte Leistungen einfach nicht selber erbringen können – und eben darum auf die Unterstützung der digitalen Generation angewiesen sind.“

    Wo lebt Lobo? Das mag für jemanden zutreffen, der in der Talkshow-Liga spielt. Der Preis spielt natürlich eine Rolle. Selbst in einem „Großkonzern“ gibt es Unterschiede. Ich schätze, dass höchstens nur 10% der Freelancer dort in wichtigen Projekten eingesetzt werden, deren Budget eine gute Bezahlung von guten Leuten zulässt. Der Rest soll möglichst preiswerter eine Leistung erbringen, als es eigene Mitarbeiter oder Dienstleister könnten.

    Das wird auch immer so sein. Sowas wie ein Naturgesetz, da „Diese Spezialisierung hat ihren Preis und den sollten sich die Freelancer untereinander nicht gegenseitig mit Dumpingpreisen zertrümmern.“ ähnlich realistisch ist, wie bei einem Tempolimit auf der Autobahn auf die Einsicht der Autofahrer zu vertrauen.

  • Sebastian
    Veröffentlicht: 10:12h, 30 Juni Antworten

    Es fällt fast überhaupt nicht auf, dass Lobo sich die ganzen Thesen locker flockig bei @mike_FTW zusammengeklaut hat.

    Siehe:

    http://vimeo.com/22053820?utm_source=swissmiss
    http://5by5.tv/pipeline/43
    und natürlich
    http://twitter.com/#!/mike_FTW

  • Henning
    Veröffentlicht: 23:06h, 30 Juni Antworten

    @Sebastian: Lobo hat meines Konsums zufolge, bereits im Dezember letzten Jahres diese Thesen in Interviews geäußert. Dass Lobo „zusammenklaut“ ist eine haltlose Unterstellung von dir und kann auch nicht mit 3 Links fundamentiert werden.

    Einen Twitter-Stream als Quelle anzugeben, wo viele Tweets irgendwann im digitalen Nirwana verschwinden, würde ich dir nie empfehlen, da die Beweiskraft nicht ausreicht.

    Ebenso sind die beiden genannten Videos mit Erscheinungsdaten versehen, die nach den mir bekannten Sendeterminen Lobos liegen.

    Demnach ist deine Unterstellung aus meinem Faktenwissen haltlos.

  • Sebastian
    Veröffentlicht: 14:54h, 01 Juli Antworten

    @Henning: was genau meinst Du mit Sendeterminen? Ich dachte die Veranstaltung war „gestern Abend“ (sprich der 27.6.2011).

    Ich hab kein Problem damit wenn ich falsch liege. Vor allen Dingen aber habe ich kein Problem mit meiner Wortwahl, Lobo redet schließlich genauso.

    • Henning & Melanie
      Veröffentlicht: 15:55h, 01 Juli Antworten

      @Sebastian: Lobo hat seine Thesen bereits in einem Interview im letzten Jahr kund getan. Hab den Link gerade nicht zur Hand.

      Als Blogbetreiber kann man ganz schnell echten Ärger bekommen, wenn Unterstelllungen und Verleumdungen seitens Blogger/Kommentator auftauchen. Eigentlich hätte ich Deinen Comment direkt gelöscht, da mich dieser in rechtliche Probleme bringen kann. Du solltest beim Schreiben immer daran denken, welche Konsequenzen deine Wortwahl/Äußerungen für Dich oder andere haben kann.

  • Sebastian
    Veröffentlicht: 16:03h, 01 Juli Antworten

    Achso. Na ja ich denke nicht dass der Herr Lobo Dich verklagen wird. Danke für den Hinweis auf Interviews mit Sascha Lobo, ich werde dann jetzt mal Googeln.

    Wenn Du möchtest kannst Du meinen Kommentar weiter oben zusammenstreichen, ich habe damit kein Problem.

  • Sebastian
    Veröffentlicht: 16:08h, 01 Juli Antworten

    Hm ich finde ehrlich gesagt nur „Wir nennen es Arbeit“ und da kommen die Freiberufler so gar nicht vor.

    Wie gesagt nimm gerne das wort mit „ge“ raus aber im Moment steh ich zu meinem Eindruck dass Deine „Abschrift“ der Inhalte ziemlich genau auf das Vimeo-Video passt.

  • Sebastian
    Veröffentlicht: 18:46h, 01 Juli Antworten

    Hm ich denke ich nehme meinen Vorwurf zurück. Nach längerem Studieren von unterschiedlichen Webseiten kommt mir vieles bekannt vor. Es ist ja auch kein Wunder dass wenn man in ähnlichen Berufen arbeitet und ungefähr vom gleichen Schlag ist was die Robustheit angeht, am Ende ähnliche Schlüsse bei rauskommen.

    Von daher: great minds think alike und ich nehme mein „zusammengeklaut“ hiermit zurück. Klar erfindet irgendwer das Rad zuerst aber das heißt ja nicht dass es nicht noch jemand anders erfunden hätte.

    Man muss halt auch mal zugeben wenn man sich geirrt hat :-)

  • HBY
    Veröffentlicht: 00:41h, 06 Juli Antworten

    Rebellen/ Imperium/ Jedi

    Imperium – Großkonzerne
    Jedi – Gejagte
    Rebellen – die Kreativwirtschaftler, die nun erklären, wie man als Konzern am besten an die Widerspenstigen herankommt.

    digitale Gentrifikation

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