Leistungsschutzrecht: freie Marktwirtschaft politisch verzerren

30 Aug Leistungsschutzrecht: freie Marktwirtschaft politisch verzerren

Weil deutsche Verlage vom Internet überrascht wurden, geht es ihnen jetzt schlecht. Während die Musikindustrie bereits um die Jahrtausendwende vom technologischen Fortschritt und einem veränderten Konsumverhalten in Schockstarre wurden, bemerken die Verlage neuerlich, dass sich dank iPad, Kindle & Co. die Lesegewohnheiten des Volks verändert haben. Böses Internet.

Während andere Branchen wie römische Gladiatoren in die neuen Schlachten Online vs. Offline schreiten und sich mit Innovation, Erfindergeist und Try&Error den neuen Herausforderungen stellen, haben die Verlage in Ermangelung der eigenen Innovationskraft laut um politische Hilfe gerufen und erwirkten, dass das Justizministerium jetzt einen Gesetzentwurfs im Auftrag der Verlage veröffentlicht. Die wichtigsten Teile:

§ 87f (1) Der Hersteller eines Presseerzeugnisses (Presseverleger) hat das ausschließliche Recht, das Presseerzeugnis oder Teile hiervon zu gewerblichen Zwecken öffentlich zugänglich zu machen. Ist das Presseerzeugnis in einem Unternehmen hergestellt worden, so gilt der Inhaber des Unternehmens als Hersteller.

§ 87g (4) Zulässig ist die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen oder Teilen hiervon, soweit sie nicht durch gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen oder gewerbliche Anbieter von Diensten erfolgt, die Inhalte entsprechend aufbereiten.

(Quelle: Netzpolitik)

Und wer´s nicht glaubt: hier als Bewegtbild-/Ton-Dokumentation:

 

Zur Verdeutlichung: Der Gesetzesentwurf reguliert nicht etwa den generellen Umgang mit den Presseerzeugnissen im Netz. Es verzerrt den Wettbewerb, in dem er explizit Suchmaschinen und Aggregatoren untersagt, Inhalte aufzubereiten und die Nutzer zu den jeweiligen Artikeln auf die Seiten der Verlage weiterzuleiten.

Suchmaschinen und Aggregatoren sind jene Plattformen, die journalistische Arbeiten erst verbreiten, die Leser auf Artikel aufmerksam machen, die Diskussionen ermöglichen und am Ende dafür verantwortlich sind, dass ein geschriebener Artikel im Internet gefunden wird. Und jenen Wegweisern möchten die Verlage verbieten, ihre Artikel in Form kurzer Anrisse zu bewerben.

Tritt das Gesetz in Kraft, könnten Google & Co. alle deutschsprachigen Inhalte aus dem Index entfernen und so nicht auffindbar machen. Es gelangen somit kaum noch Leser zu den Artikeln der Verlage, die Leserzahl sinkt, die Sichtbarkeit reduziert sich, ausländische (& frei lesbare Artikel) rücken in den Suchergebnissen nach vorne.

Die deutsche Verlage schaffen sich ab.

 

Das Vorgehen, die eigene Geschäftsunfähigkeit durch politische Einflußnahme korrigieren zu lassen, liest sich für mich wie Wettbewerbsverzerrung. Warum sich die Bundesregierung vor den Karren einer unfähigen Branche spannen lässt, erklärt sich für mich nur mit hoffnungsloser Unwissenheit.
Eigentlich reguliert sich der Markt selbst. Schon immer wurden die Langsamen von den Schnellen, die Faulen von den Fleißigen und die Einfallslosen von den Cleveren überholt. Diese Regeln gelten in Deutschland 2012 nun nicht mehr.

Als Abrundung und sehr gut geschriebene Ergänzung empfehle ich auch den Artikel von Thomas Knüwer auf Indiskretion Ehrensache.

Henning Groß
henning.gross@netzkombyse.de

Inhaber der NetzKombyse, Agentur für E-Commerce und Markenentwicklung in Hamburg. Als zertifizierte Shopware-Agentur realisieren sein Team und er individuelle Shop- und Markenkonzepte. Schwerpunkt stellt die kompetente Beratung der Kunden und deren Begleitung dar. Die konsequente Fokussierung auf wirtschaftliche Sinnhaftigkeit steht dabei im Fokus. Henning Groß verfügt über umfangreiches Multi-Channel-Know-How. In der OTTO Gruppe im Multi-Channel-Commerce tätig, gründete er als Solopreneur erst ein Smart Business und 2011 die NetzKombyse.

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