Digitale Stilblüten made in Deutschland: das Rückkanal-Verbot auf Facebook

19 Jan Digitale Stilblüten made in Deutschland: das Rückkanal-Verbot auf Facebook

Facebook-Auftritt von Rheinland-Pfalz: "Mit dem Bürger nicht kommunizieren"

Facebook-Auftritt von Rheinland-Pfalz: „Mit dem Bürger nicht kommunizieren“

In dieser Woche schoß der rheinland-pfälzische Datenschutzbeauftragte Edgar Wagner den Vogel ab und zog den Spott der Netzgemeinde auf sich.

Was war geschehen?

Er setzte das sogenannte Rückkanal-Verbot für die Facebook-Präsenz des Bundeslandes Rheinland-Pfalz durch. Ministerien und Behörden sollen nicht auf Anfragen der Bürger über die Facebook-Seite antworten und mit ihnen dort in direkten Kontakt treten.

„Das Ziel ist, dass auf der Seite möglichst wenig Interaktion stattfindet, damit wenige Nutzungsdaten erzeugt werden.“

Vielmehr gelte die Facebook-Seite als Informationsmedium der Landesregierung.

Das Antwort-Verbot soll als Übergangslösung so lange eingehalten werden, bis die Rechtslage zum Datenschutz in sozialen Netzwerken endgültig geklärt sei.

 

Deutschland ist konservativ.

Und während die halbe Nation Edgar Wagner als digitalen Steinzeitbewohner hinstellt, frage ich mich, warum sich hierzulande überhaupt jemand wundert, dass diese Stilblüte entstehen konnte. Mir graut es jedes Mal davor, wenn ich ein Online-Projekt zur Rechtsprüfung an meinen Anwalt weiterreiche und von ihm aufgezeigt bekomme, welche datenschutzrechlichen Belange dem Kunden gegenüber dokumentiert werden müssen.

Deutschland tut sich mit dem Internet-Kram so schwer, dass es manchmal kaum zu ertragen ist.

  • Ein Riesenbohai bei Google Streetview – plötzlich können wir uns Häuser ansehen, ohne dass uns der Mieter oder Eigentümer das erlaubt hat. Also wurden wir zu engagierten Verpixelungsmeistern.
  • Auf einmal gibt es die Möglichkeit, mit Suchbegriffen nach interessanten Zeitungsartikeln zu suchen und sich individuell zu informieren. Das finden wir nicht gut, weil die Suchmaschine sich das bezahlen lässt. Also löschen wir die Zeitungsartikel lieber wieder aus den Verzeichnissen. Auf das uns niemand mehr findet.
  • Möchte sich ein Kunde per Newsletter über neue Angebote informieren lassen, steht der Händler quasi schon mit einem Bein im Knast, darf er dem Kunden nicht einmal die Bestätigungsmail zur Verifikation der Newsletteranmeldung zusenden.

 

Die falsche Person im Kreuzfeuer.

Edgar Wagner´s Entscheidung mag völlig beklopptunrealistisch klingen, aber sie ist auf einer gesamtdeutschen Zurückhaltungspolitik gegenüber den Chancen der digitalen Kommunikation entstanden. Darum sollten wir das Beispiel nutzen, um grundsätzlich zu hinterfragen, ob wir uns mit unserer Regulierungswut einen Gefallen tun oder ob wir uns damit nicht wertvollem Potential berauben.

Nicht Wagner gehört ins Kreuzfeuer, sondern die Landgerichte, die mit ihren höchst-konservativen Entscheidungen für einen stark gehemmten Umgang mit den neuen Kommunikationsmitteln sorgen.

Henning Groß
henning.gross@netzkombyse.de

Inhaber der NetzKombyse, Agentur für E-Commerce und Markenentwicklung in Hamburg. Als zertifizierte Shopware-Agentur realisieren sein Team und er individuelle Shop- und Markenkonzepte. Schwerpunkt stellt die kompetente Beratung der Kunden und deren Begleitung dar. Die konsequente Fokussierung auf wirtschaftliche Sinnhaftigkeit steht dabei im Fokus. Henning Groß verfügt über umfangreiches Multi-Channel-Know-How. In der OTTO Gruppe im Multi-Channel-Commerce tätig, gründete er als Solopreneur erst ein Smart Business und 2011 die NetzKombyse.

2 Kommentare
  • Julian W.
    Veröffentlicht: 08:42h, 19 Januar Antworten

    Vielleicht denke ich naiv, aber sollen Gerichte nicht nach Gesetzeslage urteilen? Sind nicht also eher die Gesetzgebenden die Buh-Männer, wenn die Gesetzeslage nicht dem angepasst wird, was – so scheint es zumindest – eine Mehrheit der Bevölkerung will? Ja, wir Onliner sind – leider immer noch – eine Minderheit in der Bevölkerung. Keine Mehrheit, kein Konsenz. Und natürlich spielt dort auch eine gewisse Inkompetenz der gesetzgebenden Politikern in den Parlamenten eine Rolle. Ergo: Nur noch Leute wählen, die im Sinne der Onliner Ahnung hat. Ist nur leider so schwer zu finden… (Und komme mir bitte jetzt keiner mit der PIRATEN-Partei.)

  • KWBrandt
    Veröffentlicht: 10:58h, 20 Januar Antworten

    Zu spät Herr Wagner, zu spät, und inkonsequent obendrein!!

    Wenn Rheinland Pfalz (RP) „das Fass „Facebook“ aufmacht“ und dort eine Seite eröffnet, dann muss man sich auch über die Konsequenzen im klaren sein!
    Und das am besten vorher!! Ansonsten hilft nur ein, abschalten!! Dann ist RP eben nicht bei Facebook!
    RP ist dann einfach „raus“.
    Hat man Herrn Wagner seiner Zeit nicht um seine Expertise zum Thema „Facebook“-Austritt gebeten, oder hat sein Abraten ignoriert, dann würde ich mir an seiner Stelle die Frage stellen „was mache ich überhaupt noch hier“ und ggf. Das Amt unter Protest öffentlichkeitswirksam niederlegen!

    Facebook lebt nun mal von der Interaktion und ist keine statische Webseite, auf der man sich einfach nur präsentieren kann. Wenn ich hier einen Kommentar zu etwas abgeben, dann erwarte ich zumindest von den Profis in Unternehmen und Institutionen ein Reaktion, falls notwendig.

    Verstehen könnte ich es, wenn Herr Wagner die Anweisung gäbe, dass nur eine zentrale Stelle die Kommunikation via Facebook führt, damit sichergestellt ist, das alle Bestimmungen des Datenschutz eingehalten werden.
    Aber Fragen, Anregungen und Kommentare überhaupt nich zu beantworten, das ist höchst unhöflich, wirkt ignorant, bürgerfern und schadet der jeweiligen Institution.

    Dann sollen Herr Wagner und seine Kolleginnen und Kollegen ihren jeweiligen Dienstherrn ganz klar sagen, dass sich Facebook und Co. nicht mit unseren geltenden Datenschutzbestimmungen vertragen und deshalb ein Auftritt dort zu unterbleiben hat.
    Das kann man dann auf seiner Webseite publizieren und den interessierte Bürgern dort einen Kommunikationskanal bieten.

    Herr Wagner und Co. sollten ihre Energie besser darauf verwenden ihren Landeskindern die Risiken und die Tragweite der Kommunikation auf Facebook und anderen Kanälen aufzuzeigen, als einfach nur ein Verbot auszusprechen.
    Wer sagt denn, dass man auf Facebook nicht auf die Risiken der Nutzung von Facebook hinweisen kann.

    Kinder erwarten von Ihren Eltern plausible Begründungen, wenn ein Verbot ausgesprochen wird!!
    Ein „Basta, das ist so!“ reicht nicht.

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