Deutsche Telekom schafft die Internetflatrate ab

24 Apr Deutsche Telekom schafft die Internetflatrate ab

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Wie die Information über Bombenattentate, Königinnenschwangerschaften oder Fälschungsverdächtigungen von Ministern – so explodierten die Meldungen über die recht einfach gehaltene Pressemitteilung der Deutschen Telekom, Neukunden keine echte Internet-Flatrate mehr anzubieten.

Angesichts des rasanten Datenwachstums stellt die Telekom die Tarifstruktur für Internetanschlüsse im Festnetz um: Genauso wie im Mobilfunk wird es künftig für neue Call&Surf- und Entertain-Verträge integrierte Highspeed-Volumina geben. Ist die Volumengrenze erreicht, sehen die Leistungsbeschreibungen eine einheitliche Reduzierung der Internetbandbreite auf 384 Kbit/s vor. Zunächst werden nur die Leistungsbeschreibungen angepasst. Sobald die Limitierung technisch umgesetzt wird, können Kunden über Zubuchoptionen weiteres Hochgeschwindigkeits-Volumen hinzubuchen.

 

Was hiermit dem Wirtschaftsstandort Deutschland gerade droht, sollte jeden – auch jene, die meinen nicht von den Limitierungen betroffen zu sein – in helle Wachsamkeit versetzen. Radio, Fernsehen, Kino, Literatur, Nachrichten, Einkaufen – all das findet inzwischen über unseren Online-Anschluß statt. Der Bundesgerichtshof hat den Netzzugang sogar als Lebensgrundlage definiert. Die Telekom begründet ihren Schritt mit dem zunehmenden Datenwachstum. Online-Videotheken, Streaming-Dienste, Cloud-Speicher sorgten für massiv gestiegenes Datenvolumen. Arbeitgeber fordern Flexibilität von ihren Mitarbeitern. Zu dieser verlangten Flexibilität gehört auch, von überall auf seine Daten zugreifen zu können. Die Gesellschaft fordert dicke Datenleitungen. Die Netzanbieter stehen dadurch eigentlich in einer gesamtgesellschaftlichen Pflicht, der sie sich nicht entziehen dürfen und die sie nicht reglementieren dürfen.

Hat sich, nicht zuletzt durch die kontinuierliche Bandbreitenerhöhung, in den letzten Jahren unser Konsum- und Lebensverhalten dramatisch verändert hat, schiebt die Telekom nun einen Riegel davor. Betroffen wird JEDER sein.

Spätestens wenn die Umsetzung der Drosselung greift, behindert die Telekom den internationalen Wettbewerb der netzbasierten, deutschen Wirtschaft.

 

Auch wenn in der Diskussion der Fokus auf dem Endverbraucher liegt, so müssen vor allem Unternehmen alarmiert sein. Schließlich sind die Datenleitungen die Verbindungen zwischen ihnen, ihren angebotenen Leistungen und den zahlenden Konsumenten. Die Telekom attackiert mit ihrem Vorstoß also indirekt alle Unternehmen, die in der Digitalwirtschaft tätig sind.

 

Jenseits des Umstandes, dass die Telekom als Netzanbieter in das Nutzungsverhalten seiner Kunden eingreift, ergeben sich vertragliche Fragen, die Sven Dietrich in seinem Artikel „Telekom kaputt. Langsamer als eine Stechmücke“ so ermittelt:

…Wenn ich den Anschluss voll nutze, also mit voller Geschwindigkeit surfe, dann habe ich
DSL 16.000: ca. 10,4 Stunden bzw. 1,4% der Länge eines Monats
VDSL 50: ca. 8.9 Stunden bzw. 1,24% der Länge eines Monats
VDSL 100: ca. 6.7 Stunden bzw. 0.93% der Länge eines Monats
VDSL 200: ca. 4.4 Stunden bzw. 0.61% der Länge eines Monats
die volle Geschindigkeit. Ich bezahle jeden Monat ein Produkt, dass ich, wenn ich es voll nutze, in 98,6% der Zeit gar nicht nutzen kann?

 

Drosselung ist nur ein Marketing-Begriff, um es besser aussehen zu lassen. Das stimmt aber nicht. Wenn das von mir bezahlte Produkt nur noch 0,77% seiner Leistung schafft, dann ist das kaputt.

 

Fazit:
Die Erkenntnis der Telekom ist sicher richtig. Aber mit der daraus gezogenen Schlussfolgerung bremst die Telekom die deutsche Internetwirtschaft und die Nutzer gegenüber dem internationalen Wettbewerb aus. Das Verhalten passt aber ins derzeitige Bild, welches Deutschland im internationalen Vergleich im Umgang mit dem Thema „Digital & Online“ zeichnet.

 

Update:
Netzpolitik.org  hat bei IT-Anbietern, Dienstleistern und der Telekom nachgefragt, ob das Netz wirklich so heftig überlastet ist, dass man drosseln muß. Die Antworten waren irgendwie vorhersehbar: Deutschland hat gigantische Überkapazitäten. Die Telekom unternimmt diesen Schritt, um mehr Geld zu verdienen.

Als börsennotiertes Unternehmen ist der Gedanke des Geldverdienens grundlegend nicht schlecht. Jedoch sind die Auswirkungen auf den Onlinestandort Deutschland katastrophal.

Thomas Knüwer sieht die Sachen genau so problematisch für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Henning Groß
henning.gross@netzkombyse.de

Inhaber der NetzKombyse, Agentur für E-Commerce und Markenentwicklung in Hamburg. Als zertifizierte Shopware-Agentur realisieren sein Team und er individuelle Shop- und Markenkonzepte. Schwerpunkt stellt die kompetente Beratung der Kunden und deren Begleitung dar. Die konsequente Fokussierung auf wirtschaftliche Sinnhaftigkeit steht dabei im Fokus. Henning Groß verfügt über umfangreiches Multi-Channel-Know-How. In der OTTO Gruppe im Multi-Channel-Commerce tätig, gründete er als Solopreneur erst ein Smart Business und 2011 die NetzKombyse.

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