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HHIS 2026: KI befähigen, Handwerk neu denken

HHIS 2026: KI befähigen, Handwerk neu denken

Vom Hamburg Innovation Summit 2026: Warum KI Belegschaften befähigen sollte statt sie zu ängstigen — und was das Handwerk vom Wandel lernen kann.

Es war kurz nach Mittag im Oberhafen-Quartier, als auf einer der Bühnen ein Satz fiel, den ich mir notierte: Im ländlichen Raum bleibe mehr als jede zweite zu besetzende Stelle unbesetzt. Eine Zahl, die im Raum hängen blieb — und die das Spannungsfeld umriss, in dem sich der diesjährige Hamburg Innovation Summit bewegte.

Ich war zum zweiten Mal dabei, nach 2025. Der HHIS 2026 fand am 18. Juni statt, auf mehr als 1.800 Quadratmetern, mit fünf Bühnen, 180 Sprecherinnen und Sprechern und über 80 Programmpunkten. Mit mehr als 4.000 Anmeldungen verzeichnete die Veranstaltung einen Teilnahmerekord. Zwei Themenstränge habe ich mitgenommen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben — und beim zweiten Hinsehen denselben Kern.


Die Zahl, die hängen blieb

Die genaue Quelle der 56-Prozent-Aussage konnte ich von der Bühne aus nicht festhalten, und die amtlichen Statistiken zeichnen ein etwas differenzierteres, aber nicht weniger deutliches Bild. Belastbar ist: Ländliche Räume sind nach Befunden des Instituts der deutschen Wirtschaft stärker von Fachkräfteengpässen betroffen als Städte. 2024 blieb in dünn besiedelten Regionen jede siebte gemeldete Ausbildungsstelle (15,1 Prozent) unbesetzt, in städtischen Regionen nur jede zehnte (10,4 Prozent).

Im Handwerk verdichtet sich das zu einer eigenen Dramatik. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks beziffert die Lücke auf rund 200.000 unbesetzte Stellen; im Bereich Sanitär, Heizung, Klima fehlten allein im März 2025 über 12.000 Fachkräfte, jede zweite Stelle blieb dort offen. Besonders bitter: Zwischen 2022 und 2023 verließen nach Analyse der Bertelsmann Stiftung etwa 191.000 Menschen Engpassberufe — wegen schlechter Arbeitsbedingungen und unzureichender Bezahlung. Der Mangel ist also nicht nur ein Zuwanderungs-, sondern ein Bindungsproblem.

Befähigen statt ängstigen

Vor diesem Hintergrund wirkte die in mehreren Masterclasses behandelte Frage nach der Rolle des Menschen im KI-Zeitalter weniger akademisch, als sie klingt. Die naheliegende Erzählung — KI ersetzt Arbeitsplätze — geht an der Lage vorbei, wenn schon heute Hunderttausende Stellen unbesetzt bleiben. Der wirtschaftlich relevante Hebel ist nicht Wegrationalisierung, sondern Befähigung: Wer eine ausgedünnte Belegschaft hat, gewinnt nicht, indem er sie verkleinert, sondern indem er sie produktiver macht.

Die Daten dazu sind nüchtern. Laut der Bitkom-Studie zu KI in Deutschland 2025 (befragt wurden 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten und 1.005 Personen ab 16 Jahren) wurde bislang erst ein Fünftel der Erwerbstätigen vom Arbeitgeber im Einsatz von KI geschult. Gleichzeitig qualifizieren 31 Prozent der Unternehmen ihre Mitarbeitenden gezielt für neue Aufgaben, und ein Viertel erwartet, dass Fachkräfte ohne KI-Kenntnisse künftig kaum noch gefragt sein werden. Die Schere zwischen dem, was möglich ist, und dem, was passiert, ist also weit offen.

Hier liegt der Punkt, der mich am stärksten beschäftigt hat: KI als Werkzeug gegen den Fachkräftemangel wirkt nur, wenn die Belegschaft sie beherrscht — und die Belegschaft beherrscht sie nur, wenn das Unternehmen aktiv schult, statt zu warten, bis sich Angst breitmacht. Eine Mitarbeiterin, die fürchtet, wegrationalisiert zu werden, lernt das neue Werkzeug nicht. Eine, die merkt, dass es ihr die lästigen Teile der Arbeit abnimmt, schon.

Handwerk 4.0 — und ein Befund, der wehtut

Den zweiten Strang lieferte die Bühne "Handwerk 4.0", einer der Schwerpunkte des HHIS 2026. Dort sprachen die Brüder Laurin und Yannes Bock — als Handwerks-Influencer und Gründer bekannt über ihre Instagram-Kanäle, unter dem Titel sinngemäß "Vom Hobel zur Reichweite". Sie erzählten ihren eigenen Werdegang: Einstieg ins Handwerk, Aufbau einer Reichweite, Unternehmertum.

Bemerkenswert war weniger die Social-Media-Erfolgsgeschichte als der unbequeme Teil ihrer Botschaft. Sie stellten dem klassischen, traditionellen Handwerksbetrieb im Umgang mit Mitarbeitenden und Auszubildenden ein schlechtes Zeugnis aus. Und sie treffen damit einen empirischen Nerv. Im Handwerk bleiben jährlich rund 20.000 Ausbildungsplätze unbesetzt — nicht, weil niemand käme, sondern auch, weil zu viele wieder gehen.

Der DGB-Ausbildungsreport zeigt zwar eine grundsätzlich hohe Zufriedenheit unter Azubis (71,6 Prozent), benennt aber die wunden Punkte präzise: knapp ein Drittel ist auf finanzielle Unterstützung der Familie angewiesen, jeder achte Azubi jobbt nebenher. Wer Nachwuchs halten will, kommt an Vergütung, Wertschätzung und Ausbildungsqualität nicht vorbei. Die Bock-Brüder formulierten von der Bühne, was die Studienlage trocken belegt: Das Problem des Handwerks ist nicht nur, dass zu wenige kommen — sondern wie mit denen umgegangen wird, die da sind.

Was beide Stränge verbindet

Auf der Rückfahrt fiel mir auf, dass die KI-Masterclasses und die Handwerk-Bühne dieselbe Frage stellten, nur in anderem Gewand: Wie geht ein Unternehmen mit den Menschen um, die es hat — gerade weil es zu wenige davon gibt?

In beiden Fällen lautet die falsche Antwort, Druck zu erzeugen: die Angst vor der KI im Büro, die Geringschätzung des Azubis in der Werkstatt. Und in beiden Fällen lautet die richtige Antwort, zu befähigen: schulen, einbinden, ernst nehmen. Das ist keine Sozialromantik, sondern Betriebswirtschaft. Bei rund 200.000 fehlenden Fachkräften im Handwerk und einem Fünftel geschulter Erwerbstätiger bei der KI ist das vorhandene Personal die knappste Ressource, die ein Unternehmen hat.

Mehr als jede zweite Stelle unbesetzt — ob die Zahl von der Bühne nun exakt stimmt oder nicht, sie beschreibt eine reale Schieflage. Die interessantere Frage ist, was Betriebe daraus machen. Wer seine Leute befähigt, hat zumindest die Hälfte der Gleichung gelöst, die er selbst beeinflussen kann.