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Wenn die Marke fehlt, arbeitet die Technologie umsonst

Wenn die Marke fehlt, arbeitet die Technologie umsonst

Was passiert, wenn KMU Technologie vor Markenarbeit stellen – und warum KI-Agenten diesen Fehler in Zukunft noch teurer machen werden.

57 Prozent der Deutschen halten Markenprodukte für überteuert und ohne spürbaren Vorteil gegenüber günstigen Alternativen — das ergab die Simon-Kucher Shopper-Studie 2026 mit repräsentativer Stichprobe vom März dieses Jahres. Fast zwei Fünftel sprechen sogar von Geldmacherei. Das klingt nach einem denkbar schlechten Moment, um über Markenaufbau zu schreiben.

Es ist der beste.


Warum Marke zu sein, Chance bedeutet

Die Simon-Kucher-Daten zeigen nicht, dass Marken irrelevant werden. Sie zeigen, was passiert, wenn Marken ihre Positionierung vernachlässigen, ihr Versprechen nicht einhalten und keinen erkennbaren Mehrwert mehr kommunizieren. Der Vertrauensverlust ist kein strukturelles Problem des Markenprinzips — er ist das Ergebnis einer Praxis, die Markenarbeit als Marketing-Kostenstelle behandelt statt als Steuerungsgröße des gesamten Unternehmens. 81 Prozent der Befragten, die auf Handelsmarken gewechselt haben, wollen dabei bleiben — selbst dann, wenn die Preise insgesamt wieder sinken. Die Verschiebung ist strukturell, nicht konjunkturell.

Für kleine und mittlere Unternehmen, die heute ihren digitalen Vertrieb aufbauen, liegt darin eine Chance: Der Markt hat Platz für Anbieter, die ihrem Versprechen treu bleiben und ihre Zielgruppe tatsächlich kennen.

Die Technologie-Illusion

Ein IONOS-Webshop ist in wenigen Stunden online. Shopify liefert Templates, KI-Assistenten schreiben Produktbeschreibungen, und erste Umsätze lassen sich mit überschaubarem Aufwand erzielen. Die Werkzeuge sind gut, und die niedrige Einstiegshürde ist ehrlich. Was sie nicht liefern: Positionierung.

Der Unterschied zwischen einem Shop, der konvertiert, und einem Shop, der Produkte listet, liegt selten in der Technologieauswahl. Er liegt darin, ob eine Käuferin beim ersten Kontakt mit dem Auftritt versteht, warum dieser Anbieter die richtige Wahl für sie ist — und ob sie das in zehn Sekunden erfasst, ohne erklärt zu bekommen, was ein Dropdown-Menü ist.

Die PwC Markenstudie 2024 befragte Markenexpert:innen aus deutschen Unternehmen: 80 Prozent bewerteten die Marke als eine der wichtigsten Einflussgrößen für den Unternehmenserfolg. Rund ein Viertel nannte die Marke — gemeinsam mit der Produktqualität — als wichtigstes Kriterium bei der Kaufentscheidung, noch vor dem Preis (22 Prozent) und der Verfügbarkeit (15 Prozent). 45 Prozent sahen einen besonders starken Einfluss des Markenwerts auf den Gesamtunternehmenswert.

Dieser Zusammenhang lässt sich operationalisieren.

Was Marke konkret bewegt

Suchanfragen nach einem konkreten Markennamen konvertieren drei bis fünf Mal besser als generische Produktsuchen — weil Menschen, die nach einem bestimmten Anbieter suchen, die Entscheidungsphase bereits durchlaufen haben. Wer zuerst generisch sucht und dann auf eine Markensuchanfrage wechselt, konvertiert laut Analyse von ppc.co sogar siebenmal besser als jemand, der ausschließlich generisch gesucht hat. Der Grund ist schlicht: Bekannte Marken erledigen einen Teil der Überzeugungsarbeit, bevor die eigentliche Werbemaßnahme beginnt.

Die Konsequenz für den Customer Acquisition Cost ist direkt. Teams, die 18 Monate konsequent in Markenbekanntheit investieren, berichten von einem Rückgang ihrer bezahlten Akquisitionskosten um 30 bis 40 Prozent — weil die Zielgruppe den Anbieter bereits kennt, bevor die erste Anzeige ausgespielt wird. Organischer Traffic, der aus Markenpräsenz entsteht, kostet strukturell rund ein Drittel weniger als bezahlter Traffic, sobald er aufgebaut ist.

Auf der Umsatzseite zeigt der Forter Trust Premium Report, dass Konsument:innen bei Händlern, denen sie vertrauen, bereit sind, 51 Prozent mehr auszugeben. 87 Prozent gaben an, für Produkte von vertrauenswürdigen Marken Aufpreise in Kauf zu nehmen. Vertrauen ist in diesem Kontext kein weicher Faktor — es ist eine direkte Stellschraube für Warenkorbgröße und Preismarge.

Die Gegenprobe liefert die Studie „Vertrauen in Marken" 2025 des Markenverbands: Marken genießen in Deutschland das Vertrauen von 34 Prozent der Bevölkerung — mehr als klassische Medien (27 Prozent), die Bundesregierung (17 Prozent) oder NGOs (15 Prozent). Wer eine Marke aufbaut, die ihr Versprechen einhält, schafft einen Vertrauensvorsprung, den kein Preisvergleichsportal und kein KI-generierter Produkttext ersetzen kann.

KI-Agenten beschleunigen das Problem

Bislang war ein mittelmäßig positionierter Online-Shop vor allem ein Wachstumsproblem: er konvertierte schlechter, als er könnte. In den kommenden Jahren wird er zu einem Sichtbarkeitsproblem.

Bain & Company schätzt, dass KI-Agenten bis 2030 zwischen 15 und 25 Prozent des US-amerikanischen E-Commerce-Umsatzes abwickeln — 300 bis 500 Milliarden Dollar. Die Agenten entscheiden dabei nicht über Klickpfade, sondern über Empfehlungen: Sie vergleichen Produktdaten, Bewertungen, Verfügbarkeit und bekannte Markeneigenschaften. Wer keine distinkte Positionierung hat, wird nach Preis und Lieferzeit sortiert. Das ist Commoditization auf Knopfdruck.

Bain formuliert es in einem Beitrag zur Brand-Strategie im Agentic-Zeitalter explizit: „Agents reward sharp distinctiveness over generic salience." Eine Marke, die für ein spezifisches Versprechen bekannt ist und dieses konsequent einhält, wird von KI-Systemen anders behandelt als ein generischer Anbieter. Das betrifft nicht nur die Platzierung. Es betrifft, ob ein Anbieter überhaupt in die Empfehlung einbezogen wird.

Für KMU, die heute auf technologisch einfache Shop-Lösungen setzen und Markenarbeit auf später verschieben, beginnt sich das Zeitfenster zu schließen.

Positionierung ist keine Marketingaufgabe

Der verbreitete Fehler liegt im Verständnis. Markenarbeit wird als Kommunikationsproblem behandelt — als Frage von Logo, Farbpalette und Anzeigenmotiv. Tatsächlich ist sie eine strategische Entscheidung, die das gesamte Unternehmen betrifft.

Wer seine Zielgruppe kennt und weiß, welches spezifische Versprechen die Marke einlöst, trifft damit Entscheidungen über Produktsortiment, Preispolitik, Kundenservice-Standards, Kanalwahl und Tonalität — online wie offline. Die Technologie folgt diesen Entscheidungen. Sie kann sie nicht ersetzen. Ein Shopsystem, das in Wochen live geht, löst kein Positionierungsproblem. Es macht es sichtbarer.

IT-Entscheider und Geschäftsführer, die heute in Systemauswahl und Automatisierung investieren, tun das richtig — solange gleichzeitig die Frage beantwortet wird, wofür der Shop steht und für wen er gemacht ist. Andernfalls wird die technische Infrastruktur zu einem gut ausgestatteten Lagerraum ohne Adresse.

Wer die Lücke füllt

Die 57 Prozent der Deutschen, die Markenprodukte für überteuert halten, haben recht — in Bezug auf die Marken, über die sie urteilen. Die Simon-Kucher-Studie dokumentiert das Ergebnis von Jahren ausbleibender Positionierungsarbeit. Für KMU, die heute an ihrer Marke arbeiten, ist das kein Argument gegen das Konzept Marke. Es ist eine Einladung, den Platz zu besetzen, den die anderen gerade räumen.

Fünf Jahre konsequente Markenarbeit liefern laut Trace Brand Building einen rund 72 Prozent höheren Markenwert-Zuwachs als reine Kurzfriststrategien. Der Horizont klingt lang. In einer Welt, in der KI-Agenten die Kaufentscheidungen zunehmend vorsortieren, wird er kürzer.