
re:publica 2026: Europa unter Plattformdruck
Metas interne Dokumente, Meinungsmanipulation per KI, digitale Souveränität: Was die re:publica 2026 in Berlin zur Plattformmacht zu sagen hatte.
29.000 Menschen, Anfang der dritten Maiwoche, Station Berlin. Wer an einem der Eingänge stand und die Schlange beobachtete, sah: Netz-Enthusiasten mit Laptop-Rucksack, Kommunikationsleiter aus dem Mittelstand, Aktivistinnen, Journalisten, Beamte aus Bundesministerien — und gelegentlich jemanden, der die Melodie von "Never Gonna Give You Up" summte. Es war das Motto der re:publica 2026.
Die Veranstalter haben den Song nicht als Ironie gewählt. Rick Astley, 1987, wurde Jahrzehnte später zum Sujet des "Rickrolling" — einer Internetkultur, in der man Links inszeniert und jemanden zu einem Lied lotst, das er nicht erwartet. Die re:publica meinte den Satz wörtlich: nicht aufzugeben auf Demokratie, auf ein offenes Netz, auf digitale Grundrechte. Als "Bekenntnis für morgen und als Erinnerung an gestern", wie es die Veranstalter formulierten.
Ich war zum dreizehnten Mal dabei. Was die Konferenz über 670 Sessions auf 27 Bühnen entfaltet, lässt sich nicht vollständig zusammenfassen — und das ist Absicht. Jeder stellt sich seinen eigenen Stundenplan zusammen, wechselt zwischen Technologiepanels und Gesellschaftsdebatten, zwischen Workshop und Keynote, zwischen Hauptbühne und Speaker-Area. In diesem Jahr war es schwerer als in manchen vorigen, dabei kein politisches Bild zu zeichnen.
Die KI gehört wem, der sie baut
Das Leitmotiv der re:publica 2026 war nicht neu, aber dringlicher als zuvor: Wer kontrolliert digitale Infrastruktur — und was bedeutet das für Demokratie, Wirtschaft und Recht? Die Antwort auf die erste Frage war auf der Konferenz weitgehend Konsens: die US-amerikanischen Plattformen.
Behörden und öffentliche Institutionen, die KI-Lösungen einsetzen, nutzen in der überwiegenden Mehrheit Systeme amerikanischer Anbieter. Das hingegen sorgt für den Druck, dass auch in Deutschland ein Umdenken in Software stattfindet. Schleswig-Holsteion stellt auf Open Source um, andere Bundesländer folgen. Das Verständnis für digital Ownership, on premise, Gemeinsfreiheit rückt in Verwaltung und Unternehmen zunehmend in den Fokus. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales war mit einer eigenen Bühnenveranstaltung auf der re:publica vertreten. Diskutiert wurden algorithmische Entscheidungsunterstützung in der Arbeitsverwaltung und die Frage, ob europäische Werte in Systemen abgebildet werden können, die außerhalb europäischer Jurisdiktion entwickelt werden.
Die Spannung ist strukturell: Wer KI aus Europa beziehen will, findet ein wachsendes, aber noch fragmentiertes Ökosystem. Ein EU-Paket zur Stärkung der Tech-Souveränität sollte unmittelbar nach der Konferenz vorgestellt werden. Wie verbindlich die Umsetzung wird, bleibt offen. Was die re:publica an diesem Punkt nicht auflöste — und das ist eine ehrliche Beobachtung, keine Kritik — war die Frage, wie der Übergang von abhängigen zu souveränen Strukturen gelingt, ohne kurzfristig Leistungsabfall zu produzieren. Die Diagnose war schärfer als die Therapie.
10,1 Prozent des Umsatzes und 15 Milliarden Anzeigen täglich
Wenn es eine Zahl gab, die in mehreren Sessions und Diskussionen zirkulierte, dann diese: 10,1 Prozent. Aus internen Meta-Dokumenten, die Reuters im November 2025 auswertete, geht hervor, dass der Konzern selbst schätzte, rund ein Zehntel seines Jahresumsatzes 2024 — absolut etwa 16 Milliarden Dollar — aus Anzeigen zu generieren, die Betrugsversuche, verbotene Produkte oder illegale Glücksspielangebote bewerben. Die Zahl stammt nicht von Aktivisten; sie steht in Metas eigenen Unterlagen.
Die Mechanik dahinter ist dokumentiert: Metas automatisierte Systeme sperren Werbetreibende erst dann, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Verstoßes mindestens 95 Prozent übersteigt. Wer darunter liegt, aber als mutmaßlich betrügerisch gilt, zahlt höhere Anzeigenpreise — und darf weiterschalten. Täglich werden Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook, Instagram und WhatsApp mit rund 15 Milliarden dieser risikobehafteten Anzeigen konfrontiert. Meta hat intern Ziele formuliert, diesen Anteil bis 2027 auf 5,8 Prozent zu senken — eine Selbstverpflichtung ohne externe Überprüfungsmöglichkeit.
Was ist die operative Konsequenz für werbetreibende Unternehmen? Wer Budget auf Meta-Plattformen einsetzt, konkurriert im selben Auktionssystem um Reichweite wie Anbieter, die Betrug vermarkten. Das treibt Preise, verformt Markensicherheit und schafft ein Umfeld, in dem seriöse Werbung mit fragwürdigen Inhalten um denselben Aufmerksamkeitsraum kämpft.
Die Frage der Rechtsdurchsetzung ist dabei nicht akademisch. Max Schrems, Aktivist und juristischer Kopf hinter noyb, brachte auf der Konferenz auf den Punkt, was sich durch die gesamten drei Tage zog: Die Normen existieren. Die Konsequenzen fehlen.
KI als Instrument der Meinungssteuerung
Ein zweiter Themenstrang, der sich durch mehrere Sessions zog: wie KI die politische Meinungsbildung beeinflusst. Das empirische Material dazu wird dichter. Auf der re:publica 2026 wurden konkrete Befunde diskutiert: KI-generierte Profile, die auf Instagram und TikTok politische Narrative verbreiten, ohne erkennbar maschinellen Ursprungs zu sein. Politische Akteure, die über algorithmische Mechanismen gezielt emotionale Reaktionsbereitschaft erzeugen — nicht durch Argumente, sondern durch Aktivierungsmuster.
Carole Cadwalladr, deren investigative Arbeit die Cambridge-Analytica-Affäre dokumentierte, war Rednerin auf der Konferenz. Ihr zentrales Argument ist seither konsistent: Algorithmengesteuerte Meinungsbildung ist kein Nebeneffekt, sondern Systemfunktion. Was sich ändert, ist das Tempo — durch generative KI beschleunigt sich die Produktion von Inhalten, die bestehende Überzeugungen verstärken, so weit, dass Überprüfung kaum noch mithalten kann.
Was Gegenmaßnahmen angeht: Der Digital Services Act verpflichtet sehr große Plattformen seit 2024 zu algorithmischer Transparenz und Risikobewertung. Die praktische Durchsetzung bleibt hinter dem Regelwerk zurück — was auf der re:publica mehrfach, und nicht nur von NGO-Seite, benannt wurde.
Europa als Gegenmodell — und seine Grenzen
Francesca Bria, Digitalökonomin und ehemalige Chief Technology and Digital Innovation Officer der Stadt Barcelona, skizzierte, warum Tech-Souveränität keine isolierte politische Forderung ist, sondern eine wirtschaftliche Grundlage: Datenhoheit, Infrastrukturhoheit, Kontrolle über KI-Modelle. Digitale Abhängigkeit ist in ihrer Analyse nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern ein Wettbewerbsrisiko — gegenüber Anbietern, die keine europäischen Datenschutzstandards erfüllen müssen, weil sie den Markt kennen, die Behörden aber nicht fürchten.
Cory Doctorow, Autor und Netzaktivist, brachte den Begriff Enshittification in die Debatte — seinen 2023 geprägten Begriff für den systemischen Verfall von Plattformen, die zunächst Nutzerinnen, dann Werbetreibende und schließlich sich selbst optimieren. Die re:publica 2026 war, in gewisser Weise, eine dreitägige Debatte darüber, ob und wie man diesen Prozess aufhalten kann.
Eine abschließende Antwort gab es nicht. Das wäre auch zu viel verlangt gewesen.
Zurück zu Rick Astley: Der Song, den die Veranstalter als Motto wählten, handelt von Verlässlichkeit. "Never gonna give you up, never gonna let you down." Was die re:publica 2026 nach drei Tagen hinterlässt, ist weniger Gewissheit als Orientierung — über die Strukturen, die das Netz prägen, und darüber, welche Normen existieren und welche Konsequenzen fehlen. Für Unternehmen, die auf Plattformen wie Meta Reichweite kaufen, wäre das eine nüchterne Eingangsfrage: Was genau weiß ich über das System, in dem mein Anzeigenbudget wandert?
Für mich eine der positivsten Signale: Digital Ownership rückt in den Fokus. In unserem Agenturalltag die Kernfrage bei der Systemwahl: Habe ich die Kontrolle über mein digitales Geschäft? On Premis anstatt Cloud muss die Antwort sein.